Rendez-Vous – Schmerzen schmecken, Träume sehen
von YASMO
Schmerzen schmecken, Träume sehen,
Rendez-Vous
Begeben Sie sich, se rendre,
gehen Sie dort hin, rendez-vous
Treffen Sie sich!
Treffen Sie sich mal so richtig ins Herz,
Treffen sie mal ihres Nachbarns Schmerz,
Treffen Sie mal Ihren Traum von vor 20 Jahren,
Treffen Sie sich, in Städten, am Land, in der Nacht und am Tag
treffen Sie sich am Marktplatz,
treffen Sie sich mal auf Augenhöhe.
Achso tun Sie eh schon, ja klar,
soll ich ihnen jetzt sagen, dass ich glaube, dass wir das verlernt haben, oder soll ich da jetzt lieber eine Ruhe geben,
ja dann mögen sie mich von Anfang an nicht, wär ja deppat,
ich sag ihnen jetzt nicht, dass ich glaub, dass wir das verlernt haben
Ich sag ihnen jetzt nicht, dass ich doch seh, wie jede einzelne Person hier ihre eigenen Gedanken dazu hat, glaubt oder weiß, dass sie richtig liegt mit dem, was sie denkt, und die Augenhöhe nur zulässt, wenn das Gegenüber zustimmt
Das kann ich ihnen doch nicht sagen, und ich glaub, dass ich da richtig lieg, da stimmen Sie mir doch zu? Oder?
Treffen Sie sich mal, in einem ehrlichen Gespräch,
in einem echten Austausch, in einem: aha, glaub i ned, du schon, ja gut
Und halten Sie das mal aus.
Halten sie das mal fest,
dieses Flüchtige, dieses reibende unangenehme, das man gerne flüchten lässt
Treffen sich zwei Widersprüche, sagt der eine nein.
Treffen Sie mich – ich liebe schlechte Witze
Treffen Sie meinen Humor: dass ich glaub, dass Sie alle glauben, dass Sie richtig liegen in ihrer Ansicht und deswegen verlernt haben sich auf Augenhöhe zu begegnen, stimmt nicht so ganz
Ich kenn Sie ja gar nicht
Und Sie kennen mich nicht, woher sollen Sie denn wissen, dass ich sowas lustig finde?
Woher soll ich denn wissen, was Sie denken?
Sollen wir uns treffen?
Soll ich Ihnen von meinem Schmerz erzählen?
Wollen Sie meinen Schmerz schmecken?
Ist Ihnen das unangenehm?
Mein Schmerz, der einmal im Monat kommt,
es zieht, es tut weh, es schmeckt nach Blut, es nervt,
auch am Rücken nicht nur vorne,
Oder mein Schmerz, der eher mental ist, der irgendwie auch gut, ist,
wie soll ich das erklären? Ich bin seit einem Monat rauchfrei und das nach 20 Jahren jeden Tag ein Packerl,
aber da ist so ein Schmerz, so ein Verlust, und so viel Energie weil mein Blut noch nicht umgehen kann mit so viel Sauerstoff drinnen, ich mein ich bin ich eh stabil aber mit zu viel Energie, da ist so ein Schmerz, der das früher vermisst, als das Leben noch keine Konsequenzen hatte, wissen Sie?
Treffen Sie mich mit 16, große Träume, keine Konsequenzen, Tschik gewuzelt weil billiger, und wie sie mir gestanden haben,
Rauch einatmen, Rauch ausatmen, und dabei verdammt gut aussehen
Treffen Sie mich heute mit 35, wie ich allen, denen ich erzähle, dass ich aufgehört habe mit dem Rauchen, immer im nächsten Satz sagen muss: ich bin nicht schwanger
Treffen Sie mich, wie ich mir denke hä – kommentieren wir immer noch die Körper anderer Menschen?
Treffen Sie die Leute, die denken „Ja, das wars dann mit der Yasmo, wenn die mal ein Kind will“
Treffen Sie die Erwartungen, die schneller wachsen als jeder Bauch
Treffen Sie die Fragen, die nie gestellt werden sollten und trotzdem immer im Raum stehen
wie ein schlechter Geruch, den niemand anspricht, aber alle einatmen,
Wie kalter Rauch
Treffen Sie das gute alte Patriarchat
nicht als großes Wort aus einem Buch,
sondern als kleinen Reflex
als Unterbrechung
als „lass mich kurz erklären“
als „bist du sicher?“
als „das ist aber schon sehr emotional“
Treffen Sie es als: Postenschacher, als Hierarchie, als Dickpic,
als Größenwahn ob in rot-weiß-rot oder in orange,
Treffen Sie es, wie es sich überall festkrallt. Und immer wieder davonkommt.
Und halten Sie das mal aus.
Halten Sie das mal fest, auch wenn Sie es lieber flüchten lassen würden.
Treffen Sie
die Strukturen, die wir nicht eingeladen haben,
und die trotzdem schon am Tisch sitzen
das Patriarchat bestellt sich den nächsten Drink
und zahlt natürlich nicht selbst, das zahlen schon wir
Treffen Sie
den Neoliberalismus,
wie er Ihnen sagt
„du musst nur wollen“
während andere schon längst rennen
mit Vorsprung, mit Netz, mit doppeltem Boden
Treffen Sie
die Erschöpfung, die daraus wächst
dieses permanente Optimieren
dieses nie genug sein
Treffen Sie
den Gedanken,
dass vielleicht nicht Sie das Problem sind
sondern ein System,
das davon lebt, dass Sie sich so fühlen
Das sagt: bitte treffen Sie sich nicht!
Divide and conquer – wir kriegen mehr raus wenn wir euch voneinander isolieren!
Du bist allein für deine Zukunft verantwortlich
Du bist allein für dich zuständig!
Du bist allein!
Treffen Sie sich nicht!
Treffen Sie sich nicht in der Mitte, wir brauchen jetzt extreme!
Schmecken Sie ihren Schmerz, schauen Sie bitte nicht auf ihre Träume,
früher war alles besser und der böse Fortschritt macht alles schlechter
Treffen Sie
die alten Muster im neuen Gewand,
wie sie sich modern geben,
woke sprechen,
aber trotzdem entscheiden,
wer gehört wird und wer nicht
Treffen Sie
die Rechte, die lauter wird,
die sich breit macht in Köpfen und Kommentaren,
die einfache Antworten liebt
auf komplizierte Fragen
und die Angst verkauft
als wär’s ein Sonderangebot, 2 für 1, und das in Zeiten der Inflation
Treffen Sie
die Rechte, wie sie sich wieder einschleicht
nicht mit Stiefeln diesmal
sondern mit Memes
mit einem „man wird ja wohl noch sagen dürfen“
Treffen Sie
die Angst, die dahinter steht
und die Wut, die daraus gemacht wird
und den Applaus, den das plötzlich bekommt
Treffen Sie
uns alle
wie wir da sitzen
in unseren kleinen, perfekt eingerichteten Echokammern
wo’s immer ein bisschen nach uns selbst klingt
wo wir nicken
und uns verstanden fühlen
und gleichzeitig
immer weniger verstehenDu bist verbunden, du bist online
Aber du bist allein!
Komm ja nicht auf die Idee dich zu treffen, folgen sollst du, mögen sollst du, glauben sollst du,
Wir wollten die Kirche im Dorf lassen, aber sie steckt jetzt im Handy,
ja glauben sollst du, komm ja nicht auf die Idee das zu hinterfragen, das erschafft Reibung, das macht Konflikt, das wollen wir nicht,
Wir halten lieber unser Handy als etwas aus.
Und dann schauen wir die Welt an und merken – das stimmt was nicht!
Das spürt man doch! Der Neoliberalismus hat uns gelehrt, wie man multitasked und sich ausbeutet und Wachstum Wachstum Wachstum
Aber bei so vielen Krisen? System overload?
Treffen sich zwei Widerstände, sagt der eine “Ich nehm das allein nicht mehr hin und bring es nicht mehr weg“ sagt der andere „Treffen Sie sich.“
Treffen Sie
den Moment, in dem jemand etwas sagt
und es kratzt
und es reibt
und es passt nicht sofort
und laufen Sie nicht weg
bleiben Sie
Halten Sie das aus
dieses unangenehme
dieses nicht sofort Einordnen können
dieses „aha, so siehst du das also“
Treffen sich zwei Wahrheiten,
sagt die eine: „so nicht“
und die andere: „aber ich bin da“
Treffen Sie
den Konflikt
und behandeln Sie ihn nicht wie einen Unfall
sondern wie eine Einladung
eine Einladung
mehr zu hören
als die eigene Stimme
Treffen Sie sich
im Dazwischen,
im Nichtwissen,
im Aushalten
weil vielleicht
vielleicht ist das
die radikalste Form von Nähe,
die wir gerade haben können
die radikalste Form von Widerstand,
den wir leisten könnenTreffen Sie sich auf Augenhöhe und halten Sie einander aus. Gemeinsam in echt, und nicht online allein.
Es geht um Nähe, die wir verlernt haben
und um Distanz, die wir perfektioniert haben
Es geht um
Schmerz, der nicht nur privat ist
und Träume, die politisch sind
Es geht um
Körper, die kommentiert werden
und Stimmen, die unterbrochen werden
um
Strukturen, die bleiben
auch wenn wir sie nicht benennen
Es geht um
ein System, das trennt
und Menschen, die sich trotzdem treffen wollen
Es geht um
Konflikt
nicht als Störung
sondern als Möglichkeit
Es geht um
Aushalten
statt Ausweichen
Es geht um
Zuhören
ohne sofort zu antworten
Es geht um
das Dazwischen
das wir so schlecht aushalten
und so dringend brauchen
Es geht um
uns
Es geht nicht um das Zustimmen
sondern das Dableiben
Schmerzen schmecken
Träume sehen
und dazwischen:
nicht sofort gehen.
mehr...